Ethik der Kunst

von Prof. Dr. Dagmar Fenner


Das Herstellen von Kunstwerken oder das prozesshafter künstlerischer Aktionen sind eindeutig Handlungen, die aus einer ethischen Sicht beurteilt werden können. In sozialethischer oder moralischer Hinsicht ist das künstlerische Tun immer dann ethisch problematisch, wenn dadurch das Wohlergehen von anderen Menschen oder auch Tieren beeinträchtigt wird.  Weil das Budget der zur Verfügung stehenden Steuereinnahmen prinzipiell begrenzt ist, konkurriert der Kulturbereich mit anderen Bereichen wie Umweltschutz, Gesundheitswesen oder Bekämpfung von Armut und Arbeitslosigkeit. Die staatlichen Ausgaben im einen oder anderen Bereich stehen angesichts dessen unter einem starken Begründungszwang (vgl. Geißler 1995: 36). Die Kunsterziehung an Schulen und Hochschulen und die Finanzierung von Kunst und deren Präsentation in der Öffentlichkeit bedarf also einer Rechtfertigung.
Die Frage Wozu Kunst?
als die Frage nach der lebensweltlichen Bedeutung oder der gesellschaftlichen Funktion von Kunst ist so gesehen unvermeidbar (vgl. Kleimann/Schmücker 2001: 7).

Oft werden heftige Debatten über die Wozu-Frage dadurch ins Rollen gebracht, dass öffentlich geförderte Kunstprojekte Empörung in der Gesellschaft auslösen. Bezüglich der erwähnten Pariser Hirschhorn-Ausstellung waren die Proteste in der Bevölkerung und unter Politikern deswegen besonders groß, weil sie von der staatlich unterstützten Schweizer Kulturstiftung »Pro Helvetia« finanziert wurde.
Auch wo die staatlich geförderte Kunst nicht auf derart heftige Ablehnung stößt, muss sie sich mit außerästhetischen Gründen, das heißt mit Blick auf ihre außerästhetische Wirkung rechtfertigen lassen.
Rein ästhetische Kriterien der sinnlichen Reichhaltigkeit oder künstlerischen Gelungenheit eines Kunstwerkes reichen nicht aus, sondern es geht um den Nutzen oder die Bedeutung der Kunst für das alltägliche nichtästhetische Leben.
Da der Anteil an Kunstrezipienten viel höher ist als derjenige der Kunstproduzenten, steht dabei wohl der Wert der Kunst für die Rezipienten im Vordergrund.

Auch unabhängig von solchen konkreten Konflikten anlässlich von Kunstskandalen oder vom Rechtfertigungszwang bezüglich Steuerausgaben empfehlen sich grundsätzliche Überlegungen darüber, wieso Menschen überhaupt Kunst produzieren und rezipieren und weshalb sich die ästhetische Praxis lohnt.
Wie oben erläutert, kommen wir Menschen eigentlich gar nicht um die ethische Grundfrage nach dem richtigen Handeln herum, allein weil wir unser eigenes Tun und Unterlassen reflektieren können und uns ständig zwischen verschiedenen Handlungsalternativen zu entscheiden haben.
So muss jeder Mensch für sich selbst klären, welchen Stellenwert die ästhetische Praxis in seinem Leben haben soll im Vergleich zu anderen Tätigkeiten wie zum Beispiel Sport, Erwerbsarbeit oder Pflege sozialer Beziehungen.
Wo es um eine staatliche Finanzierung von Kunst oder gesetzliche Richtlinien für die Kunstproduktion geht, sind hingegen demokratische Willensbildungsprozesse und Beschlüsse erforderlich.
Eine Ethik der Kunst kann für diese individuellen Selbstprüfungen oder gesellschaftlichen Entscheidungsfindungen wichtige Beurteilungskriterien an die Hand geben.
Ihre Aufgabe ist eine systematische Analyse, welchen Beitrag die Kunst für das gute Leben der Einzelnen und das bestmögliche Zusammenleben in der Gesellschaft leisten kann.
Georg Meggle rechtfertigt das Nachdenken über Ethik generell damit, dass sie die aussichtsreichste Methode darstelle um herauszufinden, was zu tun das Beste sei :
Je präsenter die Methoden und Resultate der Ethik seien, desto besser stünden die Chancen auf die bestmögliche aller Welten (vgl. Meggle 1993: usw)


unser Kunstbegriff möchte sich orientieren an:
aufrecht  –  edel  –  stolz  –  eigenes Tun 

also  :  . . .  Ethik der Kunst
Aus den soeben aufgeführten Gründen lässt sich also durchaus sagen, dass der Handlungsbereich der Kunstproduktion und -rezeption genauso wie viele andere menschliche Tätigkeitsfelder eine Ethik, genauer eine Angewandte Ethik braucht. Analog zu den bereits gebräuchlichen Wendungen in anderen Bereichsethiken wie der »Ethik der Medizin« oder »Medizinethik« legt sich die Begriffsfügung »Ethik der Kunst« oder »Kunstethik« nahe. Eine Ethik der Kunst oder Kunstethik reflektiert in negativer Hinsicht das Konfliktpotential der Kunst und untersucht in positiver Hinsicht, inwiefern Kunst zu einem besseren menschlichen Leben oder richtigen Handeln beitragen kann.

Frau Prof. Dr. Dagmar Fenner

. . . in großer Übereinstimmung – in Vertr.   Harald Nöding